von Elfriede Müller*

Für den schwarzen Schriftsteller und Aktivisten aus Trinidad waren Sklavinnen und ­Bauern eine revolutionäre Kraft.

Cyril Lionel Robert James (1901–1989) war einer der originellsten linken Denker des 20.Jahrhunderts.

Als Sohn eines Lehrers in Trinidad unter britischer Herrschaft geboren, politisierte sich James in England. Er stieß zur trotzkistischen Bewegung und wurde britischer Delegierter bei der Gründung der IV. Internationale 1938 in Paris. Während des Abessinienkriegs 1935 war er Sprecher der englischen Solidaritätsbewegung mit Äthiopien.
1938 verfasste James die erste antistalinistische Studie zur Komintern, World Revolution, die den Stalinismus zum Hauptschuldigen für das Ausbleiben der Weltrevolution erklärte. Er emigrierte in die USA und «bildete dort die Dritte Welt in der trotzkistischen Partei». Die Socialist Workers Party (SWP) schuf eine Abteilung für «Negro Work», eine offizielle Erklärung definierte die Schwarzen als Avantgarde der proletarischen Revolution.

Die sozialen Probleme der schwarzen Bevölkerung sah James nicht allein in ihrer Klassenzugehörigkeit begründet. Die Erfahrung der Sklaverei, kombiniert mit den psychischen Schäden – Ergebnis von Theorien der «schwarzen Unterlegenheit» –, vermachten Schwarzen eine historische Last. James setzte sich in den USA für schwarze Selbstbestimmung ein, die auf demokratische Rechte inmitten der nordamerikanischen Gesellschaft zielte.

In der Russischen Revolution sah James ein großes Ereignis, weil sie die Perspektive der weltweiten Emanzipation vom Kolonialismus eröffnete. James schwankte zwischen künstlerischen Neigungen und dem entschiedenen Hang zum Proletariat. 1940 trennte er sich von der SWP wegen der Kriegsfrage, der Verweigerung der Volksfrontpolitik und des Charakters der Sowjetunion, die er nicht mehr als Arbeiterstaat, sondern als Staatskapitalismus einschätzte. Beim Verlassen des Trotzkismus verblieb James im Afrikanischen Büro, das eine Vielzahl politischer Organisationen aus unterschiedlichen Kolonien und verschiedenen politischen Lagern umfasste.

Nach dem Bruch mit dem Trotzkismus in den 40er Jahren kategorisierte James die Perspektiven von der II. bis zur IV. Internationale als nicht mehr fähig, die zeitgenössischen Mutationen zu begreifen. Nachdem er 1953 nach 14 Jahren wegen kommunistischer Umtriebe aus den USA deportiert wurde, widmete er seine meiste Energie den antikolonialen Auseinandersetzungen.

Ende der 50er Jahre begleitete James die Unabhängigkeit Ghanas und theoretisierte diese Erfahrung in Nkrumah and the Ghana Revolution. In diesem Text stellt er eine Verbindung zwischen Arbeiter:innenbewegung und Befreiungsnationalismus her. Nkrumah setzte sich auf der Grundlage von Marx, Lenin und Gandhi für die Unabhängigkeit Ghanas und die Vereinigten Afrikanischen Staaten ein. Zunächst ein Partisan des demokratischen Sozialismus, entwickelte sich Ghana jedoch James zufolge mit zu starker staatlicher Zentralisierung und ohne unterstützende Massenmobilisierung weg von Sozialismus und Demokratie und wurde von bürokratischer Korruption regiert. Die Frage nach dem schnellen Niedergang des afrikanischen Befreiungsnationalismus beantwortete James damit, dass die Ausbeutung durch das Kapital auch in den unabhängigen Staaten weiterging. Und dass die neuen afrikanischen Staaten sich auf den öffentlichen Dienst der Kolonialländer stützten und den vormals imperialistischen Staat kaum veränderten. James widersprach dem orthodoxen Stufenmodell, dass Afrika alle Stadien der westlichen Entwicklung durchlaufen müsse.

James hatte versucht, während des Zweiten Weltkriegs das zu erreichen, was Lenin während des Ersten Weltkriegs gelang. Er untersuchte die Arbeitswelt in Nordamerika und fand eine komplexe Totalität vor, die neue Formen des Arbeitskampfs und eine Ablehnung der Avantgardepartei mit sich brachte. Zu den neuen Arbeitskämpfen überlegte sich James neue Organisationsformen, um die elende Trennung von Hand- und Kopfarbeit zu überwinden.
James vervollständigte seinen Übergang vom amerikanischen Bolschewisten zur Kulturpolitik und zum Kommentator, Mentor und Theoretiker der panafrikanischen Bewegung. Nun hoffte er auf Aufstände auf beiden Seiten des Atlantik und ihre Auswirkungen auf den Westen als Ganzes. Er war gleichzeitig Berater von Nkrumah auf dem Weg zur Unabhängigkeit Ghanas und Herausgeber der wöchentlichen Presse der neuen unabhängigen Regierung Trinidads und Sprecher der Westindischen Föderation. Als wäre das nicht genug, wurde er zum prominenten Dozenten junger radikaler Student:innen. Der Gang der Ereignisse marginalisierte ihn erneut, aber nicht, ohne dass er seine Duftmarken hinterlassen hätte.
James war einer der wenigen Intellektuellen ohne Universitätsausbildung und begann erst mit fast 70 Jahren zu lehren. Seine Interessen und Talente waren universell, sie beschränkten sich nicht auf eine Nation, einen Kontinent oder eine Hautfarbe. Er kam von einem emanzipatorischen Ansatz des Südens, beteiligte sich am europäischen und nordamerikanischen Leben und kehrte bewaffnet mit seiner Kritik in den Süden zurück.

Für die aktuelle Linke lohnt es sich, James neu oder wieder zu entdecken. Gerade für die Verbindung von Klassen- und Anerkennungskämpfen ist er unentbehrlich. Am interessantesten für heutige Fragen ist James’ Fortentwicklung des marxistischen Denkens. Anfang der 60er Jahre wandte er sich einer messerscharfen Kulturkritik zu. Vom Klassenkampf in den 30er und 40er Jahren zu den nationalen Befreiungsbewegungen kommend, fand er beides unvollständig. So war James auch auf diesem Gebiet ein Pionier. Seine Kulturkritik begann mit Cricket, als Sportreporter bestritt er lange Zeit seinen Lebensunterhalt. Im Sport im allgemeinen und in der Populärkultur erkannte James das ungenutzte Genie der unteren Klassen. Er wechselte nicht nur die Kontinente, sondern auch die revolutionären Subjekte. Für James hatten sich die Spannungen zwischen den Klassen längst in Kultur übersetzt.

James bekanntestes Werk, The Black Jacobins, bleibt eine der prägnantesten Kritiken des europäischen Imperialismus, aber auch ein Versprechen. Das Buch entstand in den 30er Jahren, in der Periode der größten kapitalistischen Depression. Geschrieben von einem Kolonisierten, war es ein radikaler Bruch mit der herrschenden Meinung, dass die Abschaffung der Sklaverei durch das Engagement der Abolitionisten erfolgt sei. James zeigte die Bedeutung der Sklaverei für die Metropolen auf und erklärte, während Frankreich über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit diskutiert habe, hätten sich die Sklav:innen sich diese selbst erobert.
Die Black Jacobins zeigen am deutlichsten James’ Weiterentwicklung des marxistischen Denkens, wenn er das moderne Proletariat von der Fabrik auf die Plantage versetzt und die Quelle ihres revolutionären Antriebs außerhalb Europas verortet. Während der klassische Marxismus nicht aufhörte, über die Rückständigkeit Russlands zu dozieren, wies James auf die Modernität von Saint Domingue hin. Für James agierten Sklav:innen, egal ob auf dem Land oder in der Stadt, so als befänden sie sich in der zweiten Hälfte des 20.? Jahrhunderts.

James gab seine Klassenposition nie auf, unterstütze aber ab den 60er Jahren die neuen sozialen Bewegungen, die er nie als Ersatz für das Proletariat sah. Er ging anders vor: Er schloss Sklavinnen und Bauern als revolutionäre Kraft mit in seine Revolutionsüberlegungen ein.

James ist nie ein Staatschef oder Anführer einer Massenbewegung geworden. Aber er beteiligte sich an einem der wichtigsten intellektuellen Projekte des 20.Jahrhunderts, basierend auf dem Marxschen Erbe: einen Ausweg aus der kapitalistischen Barbarei zu finden. Sein revolutionärer Optimismus überlebte die Niederlagen des 20.Jahrhunderts. Über ein halbes Jahrhundert lang engagierte er sich für die Emanzipation der Schwarzen und ihre Selbstbestimmung in drei Kontinenten.
Sein Leben steht in vielen Punkten für die Versprechen und Enttäuschungen des letzten Jahrhunderts. Er verlieh dem Marxismus ­Kohärenz als einer Theorie der Massenrevolte und dem Leninismus ein menschliches Antlitz als organisierte Erkenntnis der zentralen Rolle der Menschen des Südens. Nach James’ Tod 1989 hat der Neoliberalismus gesiegt und die bürokratisierte Arbeiter:innenbewegung geschlagen, wie auch der Übergang von kolonialer zur postkolonialer Herrschaft vollzogen wurde. Seit der Jahrhundertwende ist der Ruf nach einer besseren Gesellschaft erneut laut geworden. Gleichzeitig haben sich auch regressive, nationalistische und rassistische Strömungen entwickelt.
James hätte wahrscheinlich behauptet, dies sei kein Grund zum Verzagen, denn: «Wir haben das Schlamassel in dem wir leben, nicht gewählt, aber wir können bestimmen, wie wir da wieder raus kommen» (Modern politics).

 

*Elfriede Müller ist Initiatorin der jour fixe ­initiative berlin und tätig als Beauftragte für Kunst im öffentlichen Raum. Zuletzt veröffentlichte sie (mit Titus Engelschall und Krunoslav Stojakovic): Revolutionäre Gewalt. Ein Dilemma. Wien: Mandelbaum Verlag, 2019. 300 S., 20 Euro.

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus einem gleichnamigen Vortrag am 6. Juni 2021 im Rahmen der Reihe «Kreolische Konstellationen: Kolonialismus – Imperialismus – Internationalismus» der jour fixe initiative berlin. Der Zoom-Link wird eine Woche vor dem Vortrag auf der Homepage https://jourfixe.net/ stehen.

Aus: SOZ, Sozialistische Zeitung Juni 2021 https://www.sozonline.de/2021/06/c-l-r-james/