Von der Redaktion (dokumentiert)

Hermann Dworczak ist am 20. Jänner 2026 nach einer langen schweren mehrdimensionalen Krankheit, die ihn viele Jahre an seine Wohnung und an sein Bett gefesselt hat, verstorben.

Freunde und Streitgenoss:innen haben sich zu seinem Leben zu Wort gemeldet. Einige davon dokumentieren wir hier unten. Eine Würdigung aus Sicht der SOAL erscheint in Kürze.

Raimund Löw schreibt im Falter Maily vom 26. 1. 2026

Andenken an Hermann Dworczak

Er prägte die 68er-Bewegung in Wien wie kein Zweiter, stand ein für eine gerechtere Welt. Ein Nachruf auf einen Mitstreiter.  

Anfang letzter Woche ist Hermann Dworczak, ein führender Aktivist der 68er-Bewegung in Wien, nach langer Krankheit gestorben. Dworczak hat Demonstrationen gegen den amerikanischen Vietnamkrieg und für den Widerstand gegen die sowjetische Besetzung der Tschechoslowakei organisiert. Auf den „Teach-Ins“ der Universität Wien agitierte er für eine Neue Linke. In  Philosophie-Vorlesungen fiel er durch Wortgefechte mit konservativen Professoren auf. Bei den abendlichen Politdisputen im Neuen Institutsgebäude waren die als Stalinisten verschrieenen KPÖ-Studenten die Kontrahenten. Hermann Dworczak war Sprecher der trotzkistischen Gruppe „Revolutionäre Marxisten”. Wir haben in der Studentenpolitik nach 1968 zahlreiche Kämpfe gemeinsam geschlagen.

Hermann Dworczak (dritter von links) bei einer Demonstration im Jahr 1968. © „Menschenbilder, Photos aus Österreich 1966-1988″ von Michael Horowitz

Anders als viele von uns ist Hermann aus ganz einfachen Verhältnissen gekommen. Sein Vater, ein Angestellter der Wiener Gaswerke, und seine Mutter, eine Putzfrau, konnten mit der neuen Welt des Sohnes nichts anfangen. Seine Herkunft war ein Vorteil in der politischen Agitation. Hermann Dworczak verstand es, die Menschen fast magisch anzusprechen. Beim Agitationsstand gegen die Militärdiktatur in Chile am Praterstern strömten sofort hunderte Zuhörer zusammen, wenn er am Mikrofon war, während die Passanten andere Redner ignorierten. Am 1. Mai 1968 zog Hermann, wie immer begleitet von den Sprechchören „Hoch die internationale Solidarität“, auf den Wiener Rathausplatz, um das Platzkonzert der Wiener SPÖ umzudrehen. „Wir wollen über den Sozialismus diskutieren statt Blasmusik“, forderte er. Bürgermeister Bruno Marek war verdutzt und holte die Polizei. Jahre später machte Hermann Dworczak mit, als gegen das AKW Zwentendorf und in Hainburg für grüne Anliegen demonstriert wurde.

Seine Energie ist Hermann Dworczak auch nach Ende der Studentenbewegung geblieben. Er engagierte sich für Anläufe, etwas Neues links von der Sozialdemokratie aufzubauen, aus denen nichts wurde. Zum Beispiel als Sprecher der Gewerkschaftlichen Einheit, aus der später die Alternative und grüne Gewerkschaft hervorgegangen ist. Beim Weltsozialforum im globalen Süden war er in den österreichischen Delegationen mit dabei. Privat liebte er Boogietanzen. Er ging gerne auf Bälle, zur Verwunderung so mancher Mitkämpfer.

Hermann Dworczak hat es mit seinem Optimismus immer wieder geschafft, seine Freunde mitzureißen und die Utopie einer gerechten Welt am Leben zu halten. Seine Stimme ist vor Jahren durch Krankheit verstummt. In der Nacht vom 19. zum 20. Jänner ist Hermann im Donauspital in Wien 78-jährig gestorben.

Erschienen im Falter Maily vom 26.1.26 (dort ein bisschen runterscrolllen)

Danny Leder (Paris, 23. 1. 2026): 

Liebe Freund:innen,

Zu Hermann fallen mir vor allem zwei Wesenszüge ein, die sich, in meiner Erinnerung, nur selten in den Reihen der einstigen GRM kombinierten, und die zu seiner Sonderstellung in unserem damaligen Milieu beitrugen: Hermann war ein vor Begeisterung vibrierender und außerordentlich kenntnisreicher Liebhaber der Theaterströmungen, die noch in den 1970er Jahren als „avantgardistisch“ eingestuft wurden. Hermann wollte selbst ursprünglich Theaterregisseur werden (ich weiß allerdings nicht, ob und in welchem Ausmaß er diesbezüglich Studien oder sonstige Schritte unternommen hatte). Ich erinnere mich aber noch, dass er mir einmal von einer Inszenierung des italienischen Regisseurs Giorgio Strehler derartig vorschwärmte, dass sogar ich, der fast nie ins Theater ging, mir zumindest vorstellen konnte, wie eine durchaus komplexe Bühnenaufführung einen mitreißen konnte.

Hermann hatte aber auch noch eine zweite Liebe, und zwar zu einer weiteren Kunst, die er mit eben so viel Kenntnis, Verständnis und Hingabe pflegte, obwohl sich dessen Publikum nur ganz selten mit den Fans der erst genannten Theaterkultur überschnitt. Ich meine seine Begeisterung für den Rock’n’ Roll (er war selbst ein begabter Rock-Tänzer) und seine Neugier für alle weiteren, damals aufblühenden musikalischen, tänzerischen und filmischen Nachfolgebewegungen, die unsererseits manchmal mit etwas Herablassung rechts liegen gelassen wurden, die Hermann aber in ihrer Bedeutung zu würdigen und  gesellschaftspolitisch zu interpretieren verstand. Im Besonderen erinnere ich mich an seine Reaktion auf die „Disko“-Welle aus Anlass des Films „Saturday Night Fever“ (zu Songs der Bee Gees tanzen Karen Lynn Gorney und John Travolta, wobei Hermann den von Travolta dargestellten jungen Angestellten Tony Manero als eine Art Working Class Hero auf Feierabendtour würdigte).

Das hatte Hermann den meisten von uns, mit Verlaub, voraus: dieses Interesse und Gespür für jene breitenwirksamen kulturellen Phänomene, die sich in unseren Thesenpapieren und Glaubensfehden kaum widerspiegelten. Und die aber bei Hermann, dank seines  breit angelegten, auch sinnlichen Erfahrungshorizonts nicht nur Achtung fanden, sondern auch wieder zu seiner feinfühligen sozial-politischen Denkweise zurückführten.

Ich sage das auch in Erinnerung an unsere letzte Zusammenkunft, als sich unsere Wege trennten: Als ich im Rahmen einer Redaktionssitzung der Zeitschrift „Die Linke“ meine Abkehr vom revolutionären Marxismus zu erläutern versuchte und damit bei einem Teil der Anwesenden, verständlicherweise, Ungeduld und Ärger erntete, während Hermann sich dadurch auszeichnete, dass er sich laut und deutlich um die Fortführung der Diskussion mit mir bemühte.

Hermann war also damals bereit, seine eigene Parteinahme immerzu aufs Neue dem Risiko einer kontroversiellen Hinterfragung auszusetzen. Ich vermute, dass er für diesen Mut bei gleichzeitigem politischem Beharrungsvermögen einen hohen Preis zahlte, als ihn zeitweilig eine Art von Seelendunkel heimsuchte, das in vielen von uns allen lauert. Ich habe Hermann durch meinen Austritt und meinen Umzug nach Paris aus den Augen verloren. Ich weiß also nichts über sein späteres Engagement. Das, was ich aber zuvor mit ihm erlebt habe, begleitet mich auch heute noch.

Danny

Robert Misik

Wer etwas länger in politischen und sozialen Bewegungen aktiv ist, kannte ihn wohl noch: Hermann Dworczak, 68er der ersten Stunde, in den 70er und 80er Jahren gefühlt bei jeder Demonstration dabei – gerne auch als Redner mit Talent zum Volkstribun -, Mitbegründer der „Gruppe Revolutionärer Marxisten“, Mitglied deren Politbüros für viele Jahrzehnte, Delegierter bei vielen Weltkongressen der IV. Internationale, Gefährte von legendären Figuren wie Ernest Mandel uva. Persönlich für mich ein Wegbegleiter und Kampfgenosse über einige prägende Jahre im Teenager- und Twentysomething-Alter. Und Kämpfer, Aktivist und Agitator bis ins Pensionistenalter, bis ihn eine schwere Krankheit außer Gefecht gesetzt hat. Jetzt ist Hermann im Alter von 78 Jahren gestorben. Es gibt hier bestimmt viele, die sich an ihn noch erinnern und die die Nachricht von seinem Tod berührt.
Facebook, 22. 1. 2026

Leo Gabriel 

Kämpfer zwischen den Welten

Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer Energie und Strahlkraft für die sozialen und politischen Bewegungen unverzichtbar sind; Menschen, denen ihre Überzeugung wichtiger sind als kurzfristige Erfolgserlebnisse und die dadurch wertvolle Bindeglieder zwischen den Organisationen innerhalb des weitverzweigten Spektrums der Linken sind; egal ob in Österreich, auf europäischer oder auf internationaler Ebene.

Ein solcher Mensch war Hermann Dworczak, der 1948 als Einzelkind einer Familie in bescheidenen Verhältnissen im Wiener Randbezirk Hernals geboren und aufgewachsen ist. Bereits in seiner Studienzeit an der Universität Wien entdeckte er die sozialpolitischen Hintergründe der marxistischen Ökonomie, über die er seine Doktorarbeit schrieb und im Anschluss an das 1968er Jahr promovierte.

Aber Hermann wäre nicht er selbst geblieben, wenn er nicht bei den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, aber auch gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei lautstark Position ergriffen hätte. Es war einfach wichtig für ihn, sein enormes Wissen ü?ber die Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung mit einer politischen Praxis zu verbinden, mit der er unermüdlich versuchte, die Theorie in die Tat umzusetzen.

So gründete Dworczak, zusammen mit anderen 1972 die Gruppe Revolutionäre Marxisten (GRM) als österreichische Sektion der IV. Internationale, die bis heute unter dem Namen Sozialistische Alternative (SOAL) besteht. Er war eine der treibenden Kräfte der GRM und ihr Gesicht nach außen. Gleichzeitig war er einer der wenigen, die bereits sehr früh die Gefahr des in ganz Europa heraufziehenden Rechtsextremismus thematisierte, weshalb er auch mit dem Dokumentationszentrum des Österreichischen Widerstands (DÖV) eng zusammenarbeitete. Und das alles neben seiner Tätigkeit als Angestellter der Wiener Städtischen Versicherung, wo er sich auch als Gewerkschafter engagierte. Es war ihm wichtig, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, um zu benennen, was Sache ist, und den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang herzustellen.

Ein derartiges »Multitasking« blieb auf Dauer nicht ohne Folge für seinen Gesundheitszustand. Ausgerechnet zur Zeit der sogenannten Wende 1989/90, die mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion endete, erwischte ihn eine schwere Depression, aus der er sich dank seiner Freunde nur langsam erholte. Doch anstelle von nun an leiser zu treten, erweiterte er Anfang der 2000er Jahre seinen Aktionsradius auf die gesamteuropäische und internationale Ebene. Sein Wiedereinstieg ins Österreichische Sozialforum war das in Hallein.

Es war in dieser Zeit, wo sich auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Hermann und mir entwickelte: zunächst im Rahmen des Europäischen Sozialforums in Florenz, Athen, Malmö und Istanbul, wo es ihm gelang, eine relativ große Zahl von Österreicher:innen zu mobilisieren. Aber auch innerhalb des Weltsozialforums gelang es ihm immer wieder, namhafte Gewerschafter:innen vom Österreichischen Gewerkschaftsbund zur Teilnahme zu bewegen. Ihm ist es auch zu verdanken, dass das bis dahin vernachlässigte Ost­europa ab 2010 in den Bannkreis der internationalen Sozialforumsbewegung rückte.

Aber auch in dem konservativen Österreich selbst ist es zu einem guten Teil Hermann zu verdanken, dass es gelang insgesamt fünf Österreichische Sozialforen abzuhalten: in Hallein, Linz, Graz, St.Peter in der Au und Wien. Ganz zu schweigen von dem Versuch, im Rahmen einer Kandidatur für die Europawahlen unter dem Namen LINKE ein Mandat im Europaparlament zu erreichen, ein Versuch, der aus verschiedenen Grü?nden, die zu erörtern hier zu weit führen würde, erfolglos war. Bei allen diesen Initiativen war Hermann Dworczak ein, wenn nicht das wichtige Zugpferd, was vor allem im Ausland eine große Anerkennung fand.
Dabei war es ihm ein besonderes Anliegen, namhafte Sozialwissenschaftler nicht nur in den osteuropäischen Nachbarländern, sondern auch in der Volksrepublik China über die Sozialforumsbewegung zu informieren und zur Teilnahme an der »Globalisierung von unten« zu bewegen.

Alle diese politstrategischen Aktivitäten und völlig uneigennützigen Ambitionen, die Hermanns Lebensweg kennzeichnen, fanden ein plötzliches Ende, als er 2018 bei einem Spaziergang durch den Wiener Volksgarten zusammenbrach. Als Diagnose wurde ein Gehirnschlag festgestellt, der zu einer tiefsitzenden Depression fü?hrte. Nach einem Sturz in seiner Wohnung, die er über sechs Jahre nicht verlassen hatte, musste er notoperiert werden und verstarb am 20.Januar im Wiener Donauspital.
Er hinterlässt eine 43jährige Tochter, die in Australien lebt, dort als Behindertenbetreuerin tätig ist und sich der Hunde- und Schafzucht widmet.

Lieber Hermann, du hast groß­arti­ges geleistet! Danke dafür!

Quelle: SOZ, Sozialistische Zeitung, März 2026