Umstellung der Produktion auf Umweltprodukte gefordert

Interview mit Miyase Erdogan

Miyase Erdogan arbeitet seit 34 Jahren bei der Firma Bosch in München. Sie ist Ersatzbetriebsrätin und Vertrauensfrau.
Das Gespräch führte Bea ­Sassermann.

Du arbeitest seit 34 Jahren bei Bosch. Was ist das Augenfälligste, was sich in der Zeit verändert hat?

Wir waren mal 1600, wie ich angefangen habe im Bosch-Werk, jetzt sind wir nur noch 260, 270. Ich habe all die Abbaumaßnahmen mitgemacht. Vor 16 Jahren, im Jahr 2005, hat unser Betriebsrat einen Beschäftigungssicherungsvertrag mit dem Arbeitgeber geschlossen, und die ganze Zeit haben wir dafür von unserem Lohn abgegeben.

Das ist heftig. Wir haben gelesen: Bosch beabsichtigt, das Werk zu schließen oder zu verlagern. Wie ist da derzeit die Lage?

Die Leute sind sehr besorgt, unruhig, verärgert, wütend, beleidigt. Natürlich haben sie Angst um ihre Zukunft, Angst arbeitslos zu werden, und draußen ist keine Arbeit. Sie sind auch sehr verärgert, weil wir sechzehn Jahre lang von unseren Gehältern abgegeben haben für unsere Zukunft. Und jetzt haben sie unser Geld im Ausland investiert, da sind wir sehr ärgerlich. Hätten sie es hier investiert, hätten wir eine Zukunft gehabt.
Jetzt gibt es Abfindungsgespräche, die Geschäftsleitung will die Leute so schnell wie möglich loswerden. Für 57jährige bietet sie eine Vorruhestandsregelung an, d.h. die Leute bekommen sechs Jahre lang, von 57 bis 63, 80 Prozent vom Brutto und werden dafür einfach auf die Straße gesetzt – Leute mit 57!

Ist die IG Metall da auch involviert? Hat sie diesen Verträgen damals auch zugestimmt und ist sie jetzt bei den Verhandlungen mit dabei? Oder läuft das ausschließlich über den Betriebsrat?

Damals war die IG Metall auch dabei, die Gewerkschaftsmitglieder haben dem Beschäftigungssicherungsvertrag zugestimmt, weil wir keine andere Chance hatten: entweder Verlagerung des Betriebs oder Lohnverzicht. Wie eine Dieb auf der Straße: Geld oder Leben.

Eine Erpressung.

Erpressung, ja. Und jetzt ist die IG Metall auch da und hat uns einen Experten für Arbeitsrecht zur Seite gestellt. Der soll ein Konzept für uns erarbeiten. Wir wissen nicht, was für ein Konzept dabei herauskommen wird. Die Firma hat uns drei Konzepte vorgestellt, in zweien davon ist kein Bosch München drin, beim dritten ist ein bißchen was drin, und dafür möchten sie natürlich wieder Geld von uns haben.

Haben diese Verlagerungs- und Schließungspläne etwas mit dem E-Auto zu tun, das in Zukunft kommen soll?

Ja, natürlich. Die Begründung heißt E-Autos, wir produzieren im Bosch-Werk München eine Benzinpumpe, die brauchen E-Autos nicht. Gleichzeitig sprechen sie von einer Verlagerung der Produktion, dann würde die Benzinpumpe im Ausland produziert. Das versteh ich nicht, ich denke, die Geschäftsleitung lügt da.

Habt ihr Alternativen, die ihr im Betriebsrat oder unter Kollegen besprecht, habt ihr eigene Pläne?

Ja. Das Werk hat Grundstücke und wir haben genug Mitarbeiter, wir können auch anderes herstellen als Benzinpumpen, ein neues Produkt, sogar ein Umweltprodukt, da würden wir uns sehr freuen – es sind da auch schon Aktivist:innen auf uns zugekommen. Und wir können natürlich auch für E-Autos ein Produkt herstellen. Oder Produkte für die Gerätemedizin. Normalerweise ist es nicht unsere Aufgabe, ein neues Produkt zu finden, das ist eigentlich Aufgabe der Geschäftsleitung. Es ist ja auch nicht gerade neu, dass E-Autos auf die Straße kommen, die sind schon seit 30 Jahren im Gespräch. Da hätten sie viel Zeit gehabt, ein neues Produkt für uns zu finden. Entweder ist das ist jetzt ein Managementfehler oder eine bewusste politische Entscheidung.

Du hast eben Aktivisten erwähnt. Mit wem seid ihr da im Gespräch und wie läuft die Zusammenarbeit?

Es haben Umweltaktivist:innen mit uns Kontakt aufgenommen, die wollten, dass wir etwas gegen den Klimawandel tun und keine Produkte mehr herstellen, die CO2 ausstoßen. Sie haben zu uns gesagt, ihr könnt die Produktion umstellen. Natürlich hatten wir diese Idee auch schon gehabt, aber wenn wir ein Umweltprodukt herstellen können, freut uns das noch mehr. Die haben uns dann unterstützt, sind mit einer Demo vor unser Werkstor gekommen und haben Interviews mit uns gemacht, haben unsere Stimme nach draußen getragen. Das ist sehr erfreulich für uns. Wir haben das sehr positiv angenommen, dass uns jemand wenigstens hört.
So eine Zusammenarbeit finde ich auch sehr erfreulich. Ich bin Gewerkschafterin für Klimaschutz, und als wir das gehört und gelesen haben, waren wir ganz begeistert, dass eine Belegschaft mit Umweltaktivisten zusammenarbeitet und sich Gedanken über Produktionsalternativen macht.
Wir freuen uns über jede Hilfe.

Deswegen hoffen wir auch, mit dem Interview hier euren Kampf bekannter zu machen und etwas mehr Solidarität schaffen zu können. Ich bin auch mit einem Kollegen von Daimler in Stuttgart im Gespräch, der wusste schon über euch Bescheid, die haben auch in einem Flugblatt über euch geschrieben. Da ist in der Autobranche schon Interesse bei einigen.

Ich würde mich freuen, wenn die anderen Betriebe auch mitziehen würden. Denn es gibt diese Probleme ja nicht nur bei Bosch. Bei MAN haben sie auch einen Beschäftigungssicherungsvertrag gemacht, da gibt es auch Drohungen, das Werk zu schließen (siehe SoZ 9/21). Bei BMW und damals bei Siemens haben sie es auch so gemacht. Das ist jetzt eine politische Linie, die Firmen haben einen Weg gefunden, von den Leuten einfach das Geld zu rauben.
Das Bosch-Werk muss bleiben, die Drohungen müssen ein Ende haben. Wie ich gesagt habe, sechzehn Jahre lang haben wir immer nur abgegeben und trotzdem haben wir keine Zukunft. Das kann nicht wahr sein. Das ärgert uns am meisten. Und die Geschäftsleitung hat uns nichts von der Schließung gesagt, das haben wir aus der Presse gehört, da waren wir ganz überrascht, dass unser Werk geschlossen werden soll.

Ihr seid entschlossen, für eure Arbeitsplätze zu kämpfen. Wird diese Meinung in der Belegschaft breit geteilt?

Ja. Natürlich, jeder möchte den Arbeitsplatz behalten, das ist klar, weil es jetzt in der Pandemiezeit sehr schwer ist, eine neue Arbeit zu finden. Manche haben Familie mit zwei, drei Kindern, sehr viele mit kleinen Kindern, Schulkindern, manche sind auch 56, 57 so, also nahe am Rentenalter, die wollen die Arbeit in so einem Moment nicht verlieren. Sie möchten kämpfen und ihre Stimme erheben, und wir möchten Solidarität aus den anderen Betrieben haben. Sonst haben wir als kleiner Betrieb keine Chance. Was hier mit uns gemacht wird ist ja nicht nur unser Problem – wir wollen unsere Arbeit nicht verlieren.

Habt ihr Kontakt zu den anderen Werken aufgenommen?

Ja. Soweit ich weiß, haben wir mit den anderen Betrieben Kontakt aufgenommen. Unser Betriebsrat ist auch in der IG Metall aktiv und er hat auch in einem IG-Metall-Ausschuss von unseren Problemen berichtet, das wissen die schon alle. Die haben auch gesagt, wenn es so weit ist, gehen wir mit euch auf die Straße, wir unterstützen euch. Von den anderen Bosch-Werken haben wir auch eine Zusage gekriegt, dass die mit uns mitgehen, uns im weiteren Kampf helfen.

Habt ihr neben den Klimaaktivist:innen und der IG Metall noch andere Unterstützer?

Aus anderen Bosch-Werken. Am Demotag waren auch andere Gruppen da, aber ich weiß deren Namen nicht, sogar ein Politiker von der SPD, sein Name stand in der Zeitung, ich weiß jetzt aber nicht, wie er heißt. Wir haben viel Unterstützung, aber es ist trotzdem zu wenig. Die Regierung, der Staat hat unsere Stimme immer noch nicht gehört. Was wir erleben ist eine Drohung für alle Firmen, da muss der Staat gegen die Arbeitgeber etwas unternehmen, damit diese Drohungen aufhören. Die kriegen ja Geld vom Staat, in der Pandemie haben sie so viel Geld gekriegt, und wir haben Kurzarbeit gemacht und unser Geld abgegeben. Da dürfen die Kosten nicht nur auf unserer Seite liegen, sie müssen auch auf der Arbeitgeberseite sein.

Was war das für ein Demotag, den du erwähnt hast?

Mit den Aktivist:innen haben wir gemeinsam am 3.9. demonstriert, vom DGB-Haus bis zum Karlsplatz. Dort haben wir eine Kundgebung gemacht gegen die Schließung des Bosch-Werks und für klimaneutrale Produkte.
Wir brauchen ein Umweltprodukt im Bosch-Werk, wir haben Mitarbeiter, wir haben einen schönen Betrieb, wir brauchen nur ein Produkt, das uns Arbeit bringt, mehr brauchen wir nicht.

 

Das Interview erschien in SOZ, Sozialistische Zeitung, Okt. 2021 https://www.sozonline.de/2021/10/bosch-will-muenchener-werk-schliessen-kein-bedarf-mehr-fuer-benzinpumpen/