von Kurt Hofmann
Zum ersten Mal sah ich sie 2024. Sie war aus politischen Anlässen nach Wien gekommen und nach Diskussionen mit Genoss*innen, beim Plaudern im Lokal, musste ich der mir bis dahin Unbekannten natürlich als erstes unser Projekt, die ein Jahr davor entstandene Zeitschrift für Kultur und Politik, zeigen. Möglicherweise war das etwas aufdringlich, aber Elfi reagierte völlig überraschend auf „Brot & Spiele“. Während ich ihr noch vom Konzept erzählte, war sie schon eifrig am Durchblättern und Anlesen. Sie fand es gut, dass wir wahnsinnig genug waren, ein Projekt in Print zu versuchen, sie konnte etwas mit unseren Themensetzungen wie „Scheitern“ und „Zweifel“ anfangen, erkannte (nicht zuletzt durch die Präsenz des ihr gut bekannten Helmut Dahmer…), dass da versucht wurde, „in die Tiefe“ zu gehen und schließlich empfahl sie den anderen am Tisch sitzenden „Brot & Spiele“als einen Ansatz, den es gelte, weiter zu verfolgen… Ich war überrascht und hatte damals zum ersten Mal erlebt, wie begeisterungsfähig Elfi sein konnte.
Eine Woche später kam das Mail. Eine Anfrage, ob ich denn eventuell daran interessiert wäre, wenn sie für „Brot & Spiele“ schreiben würde. Helmut Dahmer kenne ihre Arbeiten und Helmut, als Zeuge und „Bürge“ aufgerufen, zögerte nicht, mir diese Autorin zu empfehlen.
Elfis erster Artikel war gleich im Schwerpunkt-Teil placiert. Das Thema des Heftes war „Fragen stellen“ und Elfi hatte prompt das dazu passende Buch parat. Es war Vincent Bevins „If we burn. The mass protest decade and the missing revolution“. Also etwas über das Scheitern. Aber: „Da politische Kämpfe nicht aus dem Nichts – sondern meistens mittendrin – entstehen, ist es wichtig, die Kette an menschlichen Entscheidungen und ihre Konsequenzen zu betrachten.“ (Elfriede Müller/Wo ist sie geblieben? – Über die ausgebliebene Revolution zu Beginn des 21.Jahrhunderts: Brot & Spiele 4/24, S. 33)
Und Bevin zieht auch, wie die Rezensentin, für welche Analyse stets wichtiger war als Behauptung, die richtigen Schlüsse: „Bevins Lehren aus den vergangenen Kämpfen um Emanzipation sind, sich zu organisieren, ein Scheitern auszuhalten und es nächstes Mal besser zu machen“. (ebd., S. 39)
Von da an schreibt Elfriede Müller regelmäßig für „Brot & Spiele“ und auch ihr letzter Beitrag, erschienen in „Brot & Spiele 4/25“, widmet sich einem letztlich gescheiterten Projekt, dem Versuch, in der DDR eine sozialistische Gesellschaft (und: ein besseres Deutschland…) aufzubauen. Sowohl Christoph Heins Roman „Das Narrenschiff“ als auch Andreas Goldsteins Film „Mein Land will nicht verschwinden“ welche sie hier rezensiert, spüren einer verpassten Chance nach – dem, was war, und dem, wie es hätte sein können. Indes: „Die Anfänge einer besseren Gesellschaft sind nie identisch, sie ergeben sich aus konkreten historischen Chancen, die meist so unerwartet kommen, dass sie häufig verpasst werden.“ (Elfriede Müller/Hindernisse der Emanzipation im „Steinland“; Brot & Spiele 4/25, S. 50)
Scheitern, wieder aufstehen, integer bleiben: Der Artikel über Ilja Ehrenburg, eine Rezension von dessen Memoiren, war ihr wichtig. Da war einer, der sich selbst immer wieder in Frage stellte: „Er war ein Mensch voller Selbstzweifel und Fragen, seine eigene Person, seine Kunst und sein politisches Engagement betreffend.“ (Elfriede Müller/Liebesroman mit der Geschichte – Ilja Ehrenburgs Leben und Schicksal; Brot & Spiele 3/25, S. 64) Eben deshalb bewahrt Ehrenburg – bei aller Begeisterungsfähigkeit für die Sowjetunion – einen skeptischen Blick darauf, was rund um ihn passiert: „Er war auch seinen erfahrenen Genossen gegenüber nie unkritisch und begann früh, sein Differenzierungsvermögen zu entwickeln. (ebd., S. 65)
Begeisterungsfähig für alles, was weiterführen könnte, sich dabei aber einen kritischen Blick bewahrend: so war Elfriede Müller. Noch einmal zu Bevins Buch über die im Ansatz vielversprechenden, doch später festgefahrenen oder gescheiterten Bewegungen. Es komme, und das hebt Elfriede Müller hervor, auch darauf an, im richtigen Moment zur Stelle zu sein und sich in einer „Stunde Null“ nicht von der Reaktion übertölpeln zu lassen: „Zunächst stellt Bevin fest, dass es so etwas wie ein politisches Vakuum nicht gibt. Wenn du ein Loch in ein politisches System schlägst und die Macht nicht denen wegnimmst, die sie innehaben, füllt jemand anderes den leeren Platz aus und nimmt sich die Macht.“ (Elfriede Müller/Wo ist sie geblieben; Brot & Spiele 4/24; S. 37)
Eine zentrale politische Frage: den richtigen Moment erkennen. Meistens scheitert das, aber dem muss, frei nach Beckett, zumindest das bessere Scheitern folgen, das spätere Gelingen, jedenfalls dessen Möglichkeit, dabei stets im Blick bewahrend.
Niemals aufgeben: das war für Elfi, politisch wie privat, stets Maxime.
Am Ende muss, betreffend die richtigen Worte, doch Brecht her: „Manche sind zuviel./Wenn sie fort sind, ist es besser./Doch wenn er nicht da ist, fehlt er.“ (Brecht/Die Mutter – Lob des Revolutionärs)
Nun könnte man sagen, Elfriede Müller sei doch nicht Pawel Wlassow gewesen und sie habe sich auch niemals in einem revolutionären Umfeld bewegt. Wer so argumentiert, hat nicht verstanden, warum ich diese Stelle bei Brecht zu Ehren Elfis aufgerufen habe. Es geht um die Sichtbarmachung eines politischen Charakters: Zur Stelle sein, wenn es nottut. Vorangehen. Und vor allem geht es um die von Brecht angesprochene Unersetzbarkeit des / der Verlorengegangenen.
In einer SMS an mich stand: „Das neue Heft ist heute in der Post gelandet. Ich freu mich so!“ Wer sonst könnte mir so etwas schreiben.
Kurt Hofmann
P.S.: Wir bedanken uns bei Brot & Spiele für das Einverständnis, diesen Nachruf, der für Brot & Spiele verfasst wurde und in der neuen Nummer erscheint, für unsere Website verwenden zu dürfen. Wer schnell ist, könnte – mit etwas Glück – die in Kürze erscheinende Nummer von Brot & Spiele noch ergattern. Hier geht es zum Abo (Jahresabo € 35): https://brotundspielezeitschrift.at/


