von Wilfried Hanser

Neuerdings kursieren Postings, die die verbrecherischen Machenschaften von Epstein als x-te Neuauflage der Erzählung von der „jüdischen Weltverschwörung“ präsentieren. Da wird aus angeblichen E-Mails von Epstein „zitiert“ und behauptet, dass er die Welt in Juden und Goyim (Nichtjuden) einteilen würde, wobei letztere die Aufgabe hätten, den Juden als Sklaven zu dienen usw.

Das Korruptions-, Erpressungs- und Ausbeutungsnetz von Epstein ist zweifellos erschreckend. Und noch schrecklicher ist, dass es – auch laut einem Interview mit einer Überlebenden in der TAZ – auch nach dem Tod von Epstein weiter betrieben wird und jetzt alle Daten in der Hand des Trump‘schen Innenministeriums liegen. Die selektiven Veröffentlichungen und Schwärzungen zeigen, wie Trump & Co diese Macht für sich einsetzen. Der angebliche Bruch von Trump mit Epstein rührt übrigens (laut Trump) daher, dass Epstein ihm gegenüber unfair gewesen sein und „seine“ Mädchen aus Mar a Lago zu sich „abgeworben“ haben soll.

Dazu kommt, dass meinem Eindruck nach ein beträchtlicher Teil der Superreichen samt ihrer (politischen) Entourage, beginnend mit den Bunga-Bunga-Partys von Berlusconi bis Mar a Lago sowie auf ihren Golfplätzen, Luxusinseln und -jachten auf ähnliche Weise mit ihrem Reichtum protzen, schmutzige Geschäfte machen, ihre ausgebeuteten Untertanen verachten und deren Kinder missbrauchen. Es sieht danach aus, dass wir es hier mit dem Sittenbild des Großkapitals des 21. Jahrhunderts zu tun haben, mit dem Erscheinungsbild des Mafia-Kapitalismus. Diese HERRschaften geben sich nicht einmal mehr die Mühe, so zu tun, als würden sie sich um das Schicksal der Menschen kümmern. Stattdessen phantasieren sie von Kolonien auf dem Mars und der Verewigung ihrer Gedanken und Gene in Serverfarmen. Die Menschen darin nur die Funktion einer Startbasis. Sie dürfen als Arbeits- und Sexsklav:innen den Herren des Kosmos dienen. Ihr Schicksal interessiert sie nicht im Geringsten.

Das jetzt in eine antijüdische Schiene umzuparken, verharmlost die Sache und führt die Kritik weg von einer soliden antikapitalistischen Gesellschaftskritik, die in der Forderung nach Veränderung solcher Macht- und Wirtschaftsverhältnisse münden muss, hin zu Verschwörungsideologien, die die Wut umlenken und gegen „die Juden“ kanalisieren sollen.