von Sungur Savran, August 2026

Das obige Foto wurde vor zwei Tagen von einem unserer Genossen, einem revolutionären Marxisten aus Brasilien, in den sozialen Medien geteilt. Dabei fügte er auf Portugiesisch den Kommentar „sensacional“ hinzu. Wahrscheinlich hat das Foto in den letzten Tagen hunderttausende Male den Äquator umrundet. Trotzkisten auf der ganzen Welt haben ihrer immensen Freude darüber Ausdruck verliehen, dass eine Straße nach Leo Trotzki, dem großen Helden des revolutionären Marxismus, benannt wurde – und das im Kernland des brasilianischen Proletariats, in der Großstadt Diadema im Bundesstaat São Paulo.

Was sonst ließe sich die Begeisterung eines erfahrenen revolutionär-marxistischen Genossen erklären, der in seiner Jugend zwischen 1976 und 1983 die Militärdiktatur in Argentinien am eigenen Leib schmerzhaft erlebt hat, sich in seiner Wahlheimat Brasilien gegen Lulas wiederholten Verrat zu Wort meldete und im Lauf der Zeit Parteiführer, Historiker, Autor von 90 Büchern und ein anerkannter Intellektueller geworden ist? Unser Genosse hatte Recht: Die Nachricht war tatsächlich „sensationell“ und ist „vielfach weitergeleitet“ worden.

Warum ist das so sensationell? Weil die Benennung der Straße durch das unermüdliche Engagement des Proletariats und der verarmten Bewohner der Elendsviertel von São Paulo ermöglicht wurde – einer Bevölkerung, die im letzten halben Jahrhundert einen der weltweit heftigsten Kämpfe für den Sozialismus geführt hat. Im Internet kann man nachlesen, dass das betreffende Wohlviertel im Zug einer Massenbewegung für sozialen Wohnungsbau (einschließlich Landbesetzungen) entstanden ist und 1990 den Namen „Villa Socialista“ erhielt. Die Arbeiterschaft und die arme Bevölkerung dieses Viertels fingen einfach an, ihre Straßen nach Revolutionären zu benennen, worauf der Stadtrat die Straßennamen durch sein Lei Municipal Nr. 1113 legalisierte. Das ist möglicherweise das allererste Mal seit fast einem Jahrhundert, dass eine Straße nach Trotzki benannt wurde, jenem Helden der Arbeiterbewegung, der am 20. August 1940 einem von Stalin persönlich in Auftrag gegebenen Attentat zum Opfer fiel und am nächsten Tag, dem 21. August, seinen Verletzungen erlag.

Man stelle sich vor, dass Trotzki erst 26 Jahre alt war, als er während der Revolution von 1905 zum Vorsitzenden des Arbeitersowjets in St. Petersburg, der Hauptstadt und dem wichtigsten proletarischen Zentrum im zaristischen Russland, gewählt wurde. In der Revolution von 1917 war er bereits Bolschewik und wurde zum Präsidenten des neu gegründeten Arbeiter- und Soldatensowjets von Petrograd (dem neuen Namen von St. Petersburg) gewählt. In dieser Funktion übernahm er auch den Vorsitz des Revolutionären Militärkomitees, das den Aufstand vom 25. Oktober (7. November nach dem neuen Kalender) plante und erfolgreich anführte. Während sich Lenin in Finnland versteckt hielt und von dort aus seine Genossen wiederholt zum Aufstand aufrief, war es Trotzki, der den Aufstand vor Ort leitete.

In der ersten Sowjetregierung bekleidete Trotzki unter Regierungschef Lenin das Amt des Außenministers. Er war es, der geheime diplomatische Dokumente der Weltöffentlichkeit zugänglich machte. So erfuhr die Bevölkerung des Osmanischen Reiches, dass ihre Hauptstadt Konstantinopel (heute Istanbul) aufgrund eines Abkommens zwischen den Entente-Mächten dem Zarenreich zufallen sollte. Trotzki gründete die Rote Armee praktisch aus dem Nichts und fegte als deren Befehlshaber an Bord seines legendären Panzerzugs über die Weiße Armee hinweg, die von vierzehn imperialistischen Nationen unterstützt wurde. Gemeinsam mit Lenin war er einer der beiden Ehrenvorsitzenden der 1919 gegründeten Kommunistischen Internationale. Aber Trotzki war auch ein marxistischer Intellektueller, der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts heftige Polemiken mit weltberühmten Intellektuellen der Bourgeoisie lieferte. Mit seiner Prosa, die ebenso poetisch ist wie die von Puschkin oder Majakowski, den größten russischen Dichtern, sezierte er die Argumente seiner bürgerlichen Gegenspieler wie mit einem Skalpell, sodass ihnen nichts anderes übrig blieb, als den Rückzug anzutreten. Bis heute gilt er als der bedeutendste unter den intellektuellen Nachfolgern von Marx.

Was danach kam (wenn man Trotzki selbst fragen würde), war noch bedeutender als die bereits erwähnten Fakten. Trotzki wird durch seinen internationalistischen Kampf gegen die Entartung der im Oktober 1917 begonnenen Weltrevolution unter Stalins Führung als einer der größten marxistischen Revolutionäre des 20. Jahrhunderts in Erinnerung bleiben. Seine dezidiert marxistische Analyse der Degeneration des Sowjetstaates in Die verratene Revolution und die Gründung der Vierten Internationale (einer relativ schwachen Organisation, welche die 1943 von Stalin aufgelöste Kommunistische Internationale ersetzte und deren Banner auch 90 Jahre später in den großen Kämpfen des Weltproletariats hochgehalten wird) waren in den dunkelsten Stunden des 20. Jahrhunderts ein Hoffnungsschimmer für die Arbeiterbewegung und den Internationalismus.

Obwohl der unter der Führung von Lenin und Trotzki gegründete Staat vor 35 Jahren zusammenbrach, bleibt er der größte Hoffnungsträger der Menschheitsgeschichte. Lenin war lange Zeit weit mehr als nur eine nach ihm benannte Straße; er war ein Anführer, dem weltweit Statuen errichtet wurden und der sogar im wörtlichen wie (bedauerlicherweise) auch im übertragenen Sinn mumifiziert wurde. Aber es ist nicht bekannt, ob und wenn ja, wie viele Straßen in welchen Städten und Ländern nach Trotzki benannt wurden. Am ehesten wäre das in bestimmten revolutionären Phasen vorstellbar gewesen, etwa in Turin während des Biennio Rosso (die zwei roten Jahre) von 1919 bis 1920, in China 1925 oder 1927 oder in Spanien zwischen 1936 und 1939, insbesondere in Barcelona im Jahr 1937. Allerdings stammen all diese Beispiele aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Nachdem sich der Stalinismus nach dem Krieg als internationales System etabliert hatte, ist eine öffentliche Nennung Trotzkis höchst unwahrscheinlich, selbst in revolutionären Zeiten, etwa während der Revolution in Bolivien von 1952, als sich Trotzkisten um die Führung bemühten, oder in einer der „befreiten“ Städte in den Bergen von Peru oder Argentinien, die in den 1960er Jahren vorübergehend von trotzkistischen Guerillabewegungen eingenommen wurden, oder vielleicht in einer „roten“ Stadt in Sri Lanka in den 1950er und 1960er Jahren, wo der Trotzkismus damals die stärkste sozialistische Strömung war. Historische Recherchen sind vonnöten, um solche Fälle, sollte es sie gegeben haben, entsprechend zu würdigen. Jedenfalls wäre es überraschend, wenn ihre Anzahl größer als die Finger an zwei Händen wäre.

Kehren wir zum Anfang zurück und lassen Trotzki, diese Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts, noch einmal Revue passieren, um uns zu vergegenwärtigen, um was für einen Menschen es sich handelt. Aber zunächst stelle man sich vor, wie viele Straßen in den rund 200 Ländern der Welt in tausenden, mitunter in zehn- oder hunderttausenden Städten und Ortschaften nach blutigen Diktatoren, selbstgefälligen Kapitalisten, verlogenen Politikern, skrupellosen Generälen, inkompetenten Bürokraten, Dieben, Schurken, mittelmäßigen Schriftstellern, „berühmten Künstlern“ und Millionen von Menschen benannt sind, deren Namen sich niemand merken kann, aber vermutlich keine einzige Straße, die an einen der beiden Gründer der glorreichen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken erinnert – dem Staat, der den Kapitalisten weltweit und den NATO-Generälen fast das gesamte 20. Jahrhundert lang Angst und Schrecken einjagte. Oder besser gesagt: Bis jetzt hat keine gegeben. Jetzt gibt es eine, auch wenn man nicht weiß, ob das von Dauer ist. Wirklich sensationell, Genosse. Oder, um jenes unvergleichliche Wort zu verwenden, das die beiden schönen Sprachen der lateinamerikanischen Welt gemeinsam haben: fenomenal!

Fast scheint es, als hätten wir erst gestern gesagt: „Wir stehen an der Schwelle des 21. Jahrhunderts.“ Nun liegt bereits das erste Viertel dieses Jahrhunderts hinter uns. Wir befinden uns in der Mitte des Jahres 2026 und steuern auf sein Ende zu. Im Jahr 2028 jährt sich die Gründung der Vierten Internationale zum 90. Mal. Dazwischen liegt nur noch ein volles Jahr. Wir sollten das zum Anlass nehmen, an diesen historischen Meilenstein zu erinnern, und den Menschen auf aller Welt die ungeschönte Geschichte der Revolution und Konterrevolution im 20. Jahrhundert vermitteln, um für die bevorstehende Entscheidungsschlacht gegen Faschismus, Weltkrieg, die nukleare Bedrohung und die Klimakatastrophe gewappnet zu sein.

Quelle: https://redmed.org/article/leon-trotsky-street

Übersetzung: E.F.