von Kurt Hofmann

Mickey 17, USA 2025, Regie: Bong Joon-ho (im Kino)

Das ist alles nicht wahr, könnte aber in der einen oder anderen Form Wirklichkeit werden: Wir sprechen von Science-Fiction, konkret von der Satire Mickey 17, die bei der Berlinale 2025 ihre Uraufführung feierte und nun ins Kino kommt.

Niflheim: Hier soll nach dem Willen des autoritären Politikers und Unternehmers Kenneth Marshall (ein Trump-Verschnitt) eine Weltraumkolonie aufgebaut werden, ohne einschränkende Regeln und Gesetze, der Profit als Religion. Mickey ist einer der für diese Mission engagierten Arbeiter:innen, den Vertrag hat er vor dem Abflug nicht durchgelesen, Hauptsache Job.

Mickey ist ein »Expandable«, sollte er bei den riskanten Arbeiten im Weltraum sterben, ist für Ersatz gesorgt, denn er ist dazu ausersehen, in diesem Fall geklont zu werden. Die Daten sind erfasst und ein 3D-Bioprinter sorgt für den Ausdruck des jeweils neuen, mit den alten Erinnerungen versorgten Mickey. Ein Wort wie Ethik spielt auf Niflheim keine Rolle, das gilt auch für den Umgang mit den Ureinwohnern des Planeten, die der Möchte-gern-Diktator Marshall verächtlich »Creepers« nennt.

Es wird sich herausstellen, dass die »Creepers« von Regisseur Bong Joon-ho bewusst nicht aufwendig im Sinne bekannter SF-Großproduktionen als bedrohliche und optisch beeindruckende Zukunftsgestalten, vielmehr eher trashig wie im Comic-Strip, weit intelligenter sind als Marshall, der die »Creepers« freilich genau so sieht, wie sie die Kinozuschauer:innen zu Gesicht bekommen: als unförmige tierische Gestalten.

Nichts ist, wie es scheint: Mickey, der ewige Verlierer, kann zumindest in jeder neuen Gestalt auf die Liebe von Nasha setzen, die dem Regime Marshalls als Polizistin dient, aber insgeheim Zweifel hegt, und ist, als er auf seinen verfrüht ausgedruckten Zwillingsbruder Mickey 18 trifft, in seinem stets anpasslerischen und alles mit sich geschehen lassenden Verhalten erschüttert. Marshall plant derweil die Auslöschung der »Creepers«. Ist da noch Hoffnung für eine Zukunft ohne Gleichförmigkeit und verordnete Verhaltensregeln? Kann es da Widerstand und gar Rebellion geben, möglicherweise sogar durch einen wie Mickey?

Bong Joon-hos Nachfolgefilm von Parasite, eine US-Produktion, zeigt mit leichter Hand und Sinn für Ironie, wie aus den großen Plänen, die eine aufwändige PR-Strategie als Zukunftsmodell verkauft, das große Desaster wird. Wiedererkennungswert ist garantiert.

Ayad Akhtar: Der Fall McNeal, Regie: Jan Bosse (im Theater)

Maschinenstürmerei hat schon in vergangenen Zeiten nicht funktioniert. Eines ist, was die Technik alles kann, ein anderes, wer sie wie anwendet. So verhält es sich auch mit der KI und deren geforderter wie dringend notwendiger Kontrolle. Geistiges Eigentum? Hier setzt Ayad Akhtars Stück Der Fall McNeal ein, das vor kurzem als deutschsprachige Erstaufführung in der Regie von Jan Bosse am Wiener Burgtheater Premiere hatte.

Jacob McNeal, ein eitler Großschriftsteller, wettert gegen KI und Kolleg:innen, die – anders als er – aufgehört hätten, kreativ zu sein, sich vielmehr technischer Hilfen bedienen würden. Auch in seiner Nobelpreis-Rede kommt er darauf ausdrücklich zurück. Bewunderung setzt McNeal voraus, Rücksichtnahme auf andere ist ihm unbekannt. Freilich versteht er es ausgezeichnet, andere zu seinen Gunsten zu manipulieren.

Wenn nur irgendjemand wüsste, dass er für seinen neuen Roman, »erstmals aus weiblicher Perspektive«, ein Manuskript seiner verstorbenen Frau als sein eigenes ausgegeben hat, ergänzt durch zahlreiche KI-Weisheiten…

Joachim Meyerhoff, endlich wieder in Wien zu sehen, zeigt diesen McNeal als charmantes Scheusal – ein Widerspruch in sich, doch McNeal, der seine Wahrheitsliebe permanent lobt und dabei unausgesetzt lügt, der ein Meister der Manipulation und des Gegeneinander-Ausspielens ist, hat den Blick fürs (gefälschte) Detail, von dem er aufs Ganze schließt. Nicht moralisierend, sondern ironisch Schicht für Schicht die McNealschen Konstrukte freilegend, ist Ayad Akhtars Der Fall McNeal zwar nur ein »Well-made«-Stück, aber eines, dem man mit Vergnügen folgt, nicht zuletzt durch Joachim Meyerhoff, einen Meister des Subtextes, dabei hoffend, dass Akhtar es seinem Protagonisten nicht gleichgetan hat und die Pointen alle »original« sind – aber dieses kluge Stück kann nicht von künstlichen Helfern stammen…

 

Der Artikel erschien in SOZ, Sozialistische Zeitung April 2025: https://www.sozonline.de/2025/04/schoene-neue-welt/