Minnesota: Lehren aus einer gigantischen Bewegung

Wie organisiert man in den USA einen echten Generalstreik?

von Eric Blanc

Generalstreiks sind das wirksamste Kampfmittel der Arbeiterklasse. Die jüngsten Massenaktionen in Minnesota gegen den ICE-Terror waren wichtige Schritte in Richtung eines solchen Streiks, doch es bedarf noch viel mehr Organisation. Nachstehend einige Überlegungen, wie das zu schaffen wäre.

Was braucht es, um die Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) und Donald Trump zu stoppen? Immer mehr Amerikaner kommen zu folgender Antwort: einen Generalstreik.

Sie handeln richtig, wenn sie diesen Weg einschlagen. Generalstreiks sind eine wirksame Taktik, die korrupte und autoritäre Herrscher weltweit gestürzt hat, zuletzt in Ägypten und Tunesien 2011, in Puerto Rico 2019 und in Sri Lanka 2022. Wie es in der Gewerkschaftshymne »Solidarity for­ever« heißt: »Ohne unseren Verstand und unsere Muskeln dreht sich kein einziges Rad.«

Der landesweite Aufruf vom 30.Januar unter dem Motto: »Keine Arbeit, keine Schule, kein Einkaufen«, der in den sozialen Medien als Generalstreik gegen ICE angekündigt wurde, erreichte jedoch leider bei weitem nicht die Erwartungen seiner lautstärksten Befürworter. Die wirtschaftlichen Auswirkungen waren minimal.

Im Gegensatz dazu zeigte der »Tag der Wahrheit und Freiheit« in Minnesota eine Woche zuvor, am 23.Januar, die Macht der Bürger, das System ins Wanken zu bringen. Viele (wenn auch nicht die meisten) Geschäfte blieben geschlossen, über 75.000 Menschen strömten mitten am ­Arbeitstag in die Innenstadt von Minneapolis und trotzten der eisigen Kälte von ?20 Grad Fahrenheit [?29 °C].

Wie gelang es Minneapolis, einen so massiven Arbeitskampf zu erreichen? Was lassen die Grenzen der Aktionen an diesem Tag und am 30.Januar über den weiteren Weg ­erkennen? Und was lehrt uns die Geschichte der Generalstreiks darüber, wie das System in den USA endgültig zum Stillstand gebracht werden kann?

Echte Generalstreiks

Bevor wir diese Fragen beantworten können, möchte ich kurz erläutern, was ich mit »Generalstreik« meine, einem Begriff, dessen Bedeutung durch inflationären Gebrauch in den letzten Jahren verfälscht wurde.

Akademiker und Aktivisten mögen endlos über Definitionen streiten, aber ein Generalstreik ist im Grunde eine Arbeitsniederlegung, die mehrere wichtige Wirtschaftszweige lahmlegt. Solche Aktionen können primär politisch motiviert sein – mit Forderungen nach Veränderungen an die Regierung; oder wirtschaftlich motiviert – mit Forderungen nach Veränderungen an die Unternehmer.

Vor diesem Hintergrund lässt sich leicht beurteilen, ob die jüngsten Aktionen gegen ICE in Minnesota und landesweit tatsächlich Generalstreiks waren. Am 30.Januar traten Schülerinnen und Schüler landesweit in einen Schulstreik, es fanden verschiedene größere Demonstrationen statt, zahlreiche kleine Geschäfte blieben aus Solidarität geschlossen, und eine beträchtliche, aber nicht messbare Anzahl von Menschen meldete sich wahrscheinlich krank oder ging nicht einkaufen. Das ist großartig. Aber definitiv kein Generalstreik.

Am 23.Januar kam es in den Twin Cities (Minneapolis und St.Paul) zu deutlich umfangreicheren Arbeitsbehinderungen. Die Schulen blieben geschlossen (was allerdings auch an der extremen Kälte lag). Zahlreiche Kultureinrichtungen wie Museen waren ebenfalls geschlossen. Die Organisatoren schätzen, dass sich rund tausend Unternehmen, überwiegend Kleinbetriebe, beteiligten und etwa eine Million Einwohner Minnesotas die Aktion in irgendeiner Form unterstützten.

Dies war ein monumentaler Erfolg, ein weiterer Beweis für den Heldenmut der Basisbewegung im Bundesstaat und das strategische Geschick seiner progressiven Gewerkschaften und Bürgerorganisationen. Wie Aru Shiney-Ajay, Organisatorin des Minneapolis Sunrise Movement erklärte, war der 23.Januar »ein fantastischer Anfang«.

Doch sie hat auch Recht, wenn sie sagt: »Wir haben noch einen langen Weg vor uns, um unsere Stärke durch einen wirtschaftlichen Stillstand wirklich unter Beweis zu stellen«; es werde »viel mehr Arbeit erfordern«, echte Generalstreiks zu organisieren.

Eine historische Dynamik

Das ist keine abstrakte Debatte über Wortbedeutungen. Es besteht die Gefahr, dass ein »Junge, der ›Der Wolf kommt‹ ruft« zugange ist, wenn zu viele Aufrufe zu Generalstreiks nicht in die Tat umgesetzt werden. Wenn die Möglichkeit eines solchen Streiks dann tatsächlich real wird, könnten zu viele Amerikaner die Botschaft ignorieren. Entscheidend ist anzuerkennen, worin die größte Beschränkung der Ereignisse vom 23. und 30.Januar lag: Beide konnten die großen Konzerne, die ICE und die Trump-Regierung stützen, nicht ernsthaft in Bedrängnis bringen.

Das ist eine ernüchternde Tatsache, insbesondere weil die Massenbewegung, das Engagement der Führungen der Gewerkschaften und der Gemeinde und die Dynamik an der Basis in Minneapolis stärker ausgeprägt sind als irgendwo sonst in Amerika. Die Bewegung gewann hier nach dem Mord an Renée Good deutlich an Fahrt – dennoch erreichte sie nicht den wirtschaftlichen Stillstand, der US-Konzerne dazu bewegen könnte, sich von ICE und dem Trump-Regime zu distanzieren.

Die öffentliche Meinung in unserem Land ändert sich rasant. Das brutale und unpopuläre Vorgehen von Trump und ICE wird wohl so schnell nicht aufhören. Initiativen, die heute unmöglich erscheinen, können in Momenten massenhafter Empörung und Begeisterung plötzlich machbar werden. Wie wir diese Chancen nutzen, hängt vor allem davon ab, was wir in der Zwischenzeit tun.

Wenn wir uns an Minnesota orientieren und landesweit Millionen von Menschen in erfolgreichen Gegenwehraktionen gegen ICE mobilisieren, kann ein echter Generalstreik in den USA Wirklichkeit werden.

In Minnesota war als Reaktion auf die verstärkten ICE-Einsätze und insbesondere nach den Morden an Good und Pretti eine historische Dynamik zu beobachten. Das Bewusstsein der Bevölkerung entwickelte sich in wenigen Wochen schneller als in über zwei Jahrzehnten ambitionierter und tiefgreifender Organisierung für Veränderungen.

Greg Nammacher vom SEIU Local 26, einer Gewerkschaftsgliederung, die über 8000 Reinigungskräfte und andere Gebäudedienstleister vertritt, meinte, selbst ihre erfolgreichen Kämpfe für progressive politische Veränderungen in den Jahren zuvor hätten die breite Öffentlichkeit nicht begeistert.

Die meisten Streikenden am »Tag der Wahrheit und Freiheit«, dem 23.Januar, waren allerdings keine Gewerkschaftsmitglieder. Greg beschrieb in einem Podcast auf Jacobin.com den jüngsten Aufschwung der Bewegung in den Twin Cities folgendermaßen:

»So viele Akteure sind gerade in Bewegung – organisiert in ihren Vierteln, vernetzt über soziale Netzwerke. Gruppen und Strukturen, die noch vor wenigen Wochen nicht oder nur auf organisatorischer Ebene existierten, spielen jetzt eine Schlüsselrolle. Aus meiner Sicht ist dies eine unglaublich hoffnungsvolle Geschichte von der Verbindung systematischer, zielgerichteter und bewusster Organisation mit dem Verständnis, dass sich in einem Moment der Bewegung, in dem die gesamte Gemeinschaft aufgerüttelt wird, die Dinge weit jenseits der eigenen organisatorischen Kontrolle entwickeln können.«

Dieser gemeinschaftliche Aktionsgeist, so Nammacher, habe einen anderen Ansatz für die Gestaltung bahnbrechender Aktionen erforderlich gemacht. Normalerweise wird jede einzelne Person, die wir zu gewinnen versuchen, sorgfältig und persönlich angesprochen und unterstützt, wenn eine Gewerkschaft zum Streik aufruft, oder wenn wir versuchen, die Beteiligung an einer Aktion zu steigern. Doch hier entstand eine atemberaubende Dynamik, die aus allen Richtungen kam. Es ist dieser Heldenmut – und die Risiken, die Menschen, auch nicht organisierte, bereit sind einzugehen, die diese Bewegung so kraftvoll gemacht haben.

Die Gunst der Stunde nutzen

Minnesota zeigt, dass man einen ambitionierten Massenstreik wie den vom 23.Januar 2026 oder den vom Mai 2006 – geschweige denn einen echten Generalstreik – nicht organisieren kann, solange die Voraussetzungen dafür nicht ausreichend gegeben sind. Das ist einer der Hauptgründe, warum alle jüngsten Online-Aufrufe zu landesweiten Generalstreiks wirkungslos geblieben sind.

So wütend viele Menschen auch auf die Einwanderungsbehörde ICE sind, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und die Sorgen um die alltäglichen Lebenshaltungskosten stehen für die meisten Beschäftigten, insbesondere für diejenigen ohne Hochschulabschluss, weiterhin im Vordergrund.

Man muss die Gunst der Stunde nutzen, das hat Minnesotas Aktion am 23.Januar eindrucksvoll gezeigt. Sollte Trump versuchen, den Aufstandsbekämpfungsartikel anzuwenden oder die Ergebnisse der Zwischenwahlen zu kippen, müssen wir schnell handeln. Es ist zwar gut, den 1.Mai 2026 und 2028 – von einigen Gewerkschaften als Tag des Generalstreiks anvisiert – als geplante Termine für gemeinsame Aktionen zu haben.

Doch die weitaus dringlichere und strategischere Frage ist, wie wir in der Zwischenzeit Gelegenheiten nutzen und Kampagnen starten können, die genügend Dynamik und breite Beteiligung erzeugen, um flächendeckende wirtschaftliche Störungen und letztendlich sogar einen Generalstreik zu ermöglichen.

Die Abschiebungen und das rüde Vorgehen von ICE werden in den kommenden Monaten mit hoher Wahrscheinlichkeit weiterhin Empörung auslösen. Wir können uns aber nicht darauf verlassen, dass das Regime uns organisatorische Energie liefert.

Auch sollten wir nicht zu Generalstreiks aufrufen, die keine realistische Chance auf Erfolg haben. Was wir stattdessen brauchen, ist die Fähigkeit, spontane Aktionen zu nutzen und den Kampf für erreichbare Forderungen zu intensivieren.

 

Eric Blanc lehrt Arbeitswissenschaften an der Rutgers University (New Jersey). Er bloggt auf Labor Politics. Der Artikel wurde zuerst veröffentlicht am 2.2.2026 bei Jacobin US.

Die deutsche Übersetzung des Artikels übernehmen wir von der SOZ, Sozialistische Zeitung, März 2026

https://www.sozonline.de/2026/03/minnesota-lehren-aus-einer-gigantischen-bewegung/