Elfriede Müller (1957–2026)

Erinnerung an eine unermüdliche Kämpferin

von Friedrich Dorn

»Elfriede Müller war leidenschaftliche politische Denkerin, Aktivistin, Internationalistin und sie war eine streitbare Gefährtin und innige Freundin. Mit ihrem Charme hat sie so viele zusammengebracht. Elfi hat gegen den Krebs und für eine gerechtere Gesellschaft gekämpft bis zum Schluss.«

So heißt es in der Anzeige, die, von 110 Mitstreiter:innen, Weggefähr­t:innen, Freund:innen unterzeichnet, am 30.Januar in nd.Die Woche erschien. Am 15.Januar musste sie ihren jahrelangen Kampf gegen den Krebs aufgeben.

Elfi ist am 8.August 1957 in Mainz geboren. Sie hat dort eine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht und in einem Antiquariat gearbeitet. In Straßburg hat sie eine weitere Ausbildung als Verlagskauffrau angeschlossen; von 1980 bis 1987 arbeitete sie in Paris in einer Kunstbuchhandlung. 1987 kehrte sie nach Deutschland zurück und studierte bis 1993 in Freiburg i.Br. Osteuropäische Geschichte, neuere Geschichte und Literaturwissenschaft.

In Frankreich trat sie der Ligue Communiste Révolutionnaire (LCR) bei, die Debatten, Aktivitäten und Theoriebildung in der »Ligue« und ihrem Umfeld haben sie tief geprägt.

1993 zog sie nach Berlin um. Dort arbeitete sie bis Juli 2024 als »Beauftragte für Kunst im öffentlichen Raum des berufsverbandes bildender künstler*innen berlin (bbk)«.

Sie hat zahlreiche Essays und Bücher aus dem Französischen übersetzt – darunter zwei Bücher von Enzo Traverso und eines von Eric Hazan. Sie übersetzte auch sechs Werke von Daniel Bensaïd, der wegen seines Stils allgemein als sehr schwierig zu übersetzen gilt. Vier Bände sind im Laika-Verlag erschienen; das letzte und umfangreichste Buch, Der unzeitgemäße Marx. Glanz und Elend eines kritischen Abenteuers im 19. und 20.Jahrhundert, kam 2019 im Neuen ISP Verlag heraus.

Wenig bekannt ist ihre Beschäftigung mit einem bestimmten Subgenre des Kriminalromans, dem französischen roman noir oder polar post-soixante-huitard (Nach-68er-Krimi). Darüber hat sie mit Alexander Ruoff ein kleines Buch auf Französisch und eine »gekürzte und leserfreundliche Fassung« ihrer Bielefelder Dissertation veröffentlicht. Im Verlag Assoziation A haben die beiden die Reihe NOIR herausgegeben, in der u.a. Bücher von Dominique Manotti erschienen.

Elfi hat auch einen Krimi von Patrick Rotman übersetzt, der in seiner Jugend Mitglied der Jeunesse Communiste Révolutionnaire (JCR) gewesen war und sich danach unter anderem zeithistorischen Dokumentarfilmen gewidmet hat. Das Thema von Patrick Rotmans Die Seele in der Faust – ein tollkühner antifaschistischer Widerständler im Kampf gegen die Polizei – war etwas für Elfi.

Die Aktivistin

Im Oktober 1997 hat Elfi die »jour fixe initiative berlin« mitgegründet. Das war immer etwas mehr als ein Theoriezirkel. Diese Initiative wollte wirksam werden, ihre Ziele hat sie so formuliert: »Mit Vortragsreihen zur Kritik von Herrschaft, Ausbeutung und Unmündigkeit bietet sie eine Plattform für die Diskussion und Theoriebildung innerhalb der radikalen Linken an und will einen Beitrag zur Überwindung kapitalistischer Vergesellschaftung leisten.«

Die intensiv diskutierten und gründlich vorbereiteten Veranstaltungsreihen wurden anschließend in Sammelbänden veröffentlicht. Davon sind zwischen 1999 und 2017 in rascher Folge zwölf Bände erschienen, zuletzt noch Kreolische Konstellationen. Kolonialismus Imperialismus Internationalismus (2023).

Elfi gehörte zu den ganz wenigen, die von Anfang an und bis 2025 in der Berliner »jour fixe initiative« mitgearbeitet haben. Da gab es ein reges Kommen und Gehen, nicht wenige haben den Aktivitätsgrad wie bei einer hochkarätigen Kadergruppe mit einem Treffen an jedem Montagabend auf die Dauer nicht mitgemacht.

Doch sie haben ihr nicht mehr genügt: Als sich im Januar 2024 aus einigen »Ehemaligen« und Mitgliedern der ISO in Berlin ein »Freundeskreis der IV.Internationale« bildete, war sie sofort dabei. Sie ist umgehend und unangefochten die treibende Kraft für diese Gruppe geworden.

Wie es in der bereits zitierten Traueranzeige heißt: »Mit ihr verlieren wir eine engagierte Kämpferin der emanzipatorischen Linken, die wir gerade jetzt so sehr brauchen. Elfi, Du wirst unendlich fehlen.«

Der Nachruf erschien in der SOZ, Sozialistische Zeitung, März 2026

Anmerkung der Redaktion:

Elfriede Müller hielt (wegen ihrer Krankheit per Zoom) bei unserem Sommerseminar 2025 sehr beachtete Referate zu den Themen „Palästina“ und „Jenseits des Nationalismus“. Mit ihr konnten wir die interessantesten Diskussionen führen. Sie verfasste auch einige Beiträge für die österreichische Kulturzeitrschrift Brot & Spiele.

Hier gibt es noch Links zu ihren Referaten beim Sommerseminar der SOAL 2026