Von Israel Dutra | 26.08.2026

Ein Sieg von Lula bei der Präsidentschaftswahl im Oktober und der Aufstieg der PSOL würden wichtige Punkte darstellen, auf die sich die Koordinierung einer internationalen antifaschistischen Bewegung stützen kann, die den Kampf gegen die weltweite extreme Rechte mit der Verteidigung der Souveränität der Völker verbindet.

Unter all den geopolitischen, sozialen und wahlpolitischen Prozessen und Entwicklungen, die derzeit weltweit stattfinden, nehmen die Wahlen in Brasilien einen ganz besonderen Platz ein.

Während die extreme Rechte ein internationales Projekt mit neofaschistischen Zügen aufbaut, während sie ein angebliches Zukunftsprojekt vortreibt und den Völkermord in Gaza verteidigt, gewinnt der brasilianische Wahlkampf eine strategische Dimension. Trump muss „Donroe“, sein Projekt einer neuen nationalen Sicherheitsstrategie, vorantreiben, nachdem er im Nahen Osten eine schwere Niederlage erlitten hat, da sich das Scheitern der militärischen Aggression gegen den Iran nun bestätigt.

Trump verkörpert einen im Niedergang begriffenen, aber umso aggressiveren Imperialismus, der mit dem aufstrebenden chinesischen Imperialismus um Einflusssphären konkurriert. Zu diesem Zweck mobilisiert er eine neofaschistische Strömung, die sich breiter Unterstützung in der Bevölkerung erfreut und koordiniert vorgeht, mit Milei als regionaler Galionsfigur. Nachdem sie in Peru und Kolumbien – nebenbei bemerkt, umstrittene – Wahlsiege errungen haben, wollen Trump und Milei um jeden Preis erreichen, dass Lula im Oktober eine Niederlage erleidet. Neben der Unterwerfung Venezuelas und der Schikanierung Kubas stellt der Regierungswechsel in Brasilien, der das größte Land Südamerikas ins „blaue“ Lager kippen lassen würde, ein strategisches Ziel für den Trumpismus dar.

Im Zentrum des Konflikts: imperialistische Offensive und Souveränität

Die US-Regierung geht bewusst gegen die Souveränität von Brasilien vor. Neben den exorbitanten Zöllen, die eine Abgabe von 37,5 % auf eine breite Palette von brasilianischen Produkten vorsehen, gibt es eindeutige Anzeichen für Einmischung, wie die Einstufung des „Comando Vermelho“ (CV) und der „Primeiro Comando da Capital“ (PCC)[i] als terroristische Vereinigungen, die Verlängerung des gegen Brasilien verhängten nationalen Ausnahmezustands sowie Äußerungen, in denen angezweifelt worden ist, ob es bei den Wahlen und den elektronischen Wahlurnen ordnungsgemäß zugehen wird.

Die erneute Eskalation ist in der Aufhebung des Diplomatenvisums für die brasilianische Botschafterin in Washington, Maria Luiza Viotti, zum Ausdruck gekommen – eine beispiellose Maßnahme, die offensichtlich eine Vergeltungsmaßnahme gegen die brasilianische Haltung darstellt.

Milei ist eine der führenden Persönlichkeiten auf dem Parteitag von Flávio [Bolsonaro] gewesen. Er hat sich gegen den „Sozialismus“ ausgesprochen und dazu aufgerufen, Lula und die Linke auf dem Kontinent zu besiegen, in der Hoffnung auf einen Sieg der Opposition bei den brasilianischen Wahlen. Milei beendete seine „Tournee“ durch Südamerika mit der Amtseinführung von Abelardo de la Espriella als neuem Präsidenten von Kolumbien.

Die Frage der Souveränität wird im Mittelpunkt des brasilianischen Wahlkampfs stehen. Tech-Giganten wie Peter Thiels Palantir (das sich unter Milei in Argentinien niedergelassen hat) agieren als digitale Stoßtruppe im Dienste des rechtsextremen Projekts. Eines ihrer Ziele ist es, in den Ländern der Region ein techno-faschistisches Experiment zu etablieren, und dieses Projekt wird von Renan Santos und der Partei „Missão“ in Brasilien begeistert unterstützt.

Ein Sieg von Flávio Bolsonaro würde den Weg für eine groß angelegte koloniale Offensive ebnen: Kontrolle über Land, Häfen und zahlreiche andere nationale Ressourcen und Infrastrukturen, bei gleichzeitiger erheblicher Verstärkung des US-Interventionismus in Lateinamerika.

Unabhängigkeit oder Trump!

Ein Sieg von Lula wird als „Schutzwall“ gegen die Offensive der Rechten und der Neokolonialisten dienen. Trumps Besessenheit zielt darauf ab, die Kontrolle über die Seltenen Erden in Brasilien, den Bergbau – wie beispielsweise die Lithiumförderung in Argentinien und Bolivien – sowie die wichtigsten Wasserstraßen zu erlangen. Die Frage der Kontrolle von Finanztransaktionen, wie etwa die des [brasilianischen elektronischen Zahlungssystems] Pix, fügt sich in den Rahmen des allgemeinen Konflikts ein und wird zu einem zentralen Element, um Dutzenden Millionen Menschen aufzuzeigen, wie Trumps Kurs, der den Interessen der USA dient, die Lebensbedingungen der Mehrheit der brasilianischen Bevölkerung verschlechtern wird.

Man darf nicht aus den Augen verlieren, dass die große Mehrheit der brasilianischen Elite diese Unterordnung akzeptiert, trotz ihrer Klagen und Verluste. Die beschämende Erklärung des Verteidigungsministers José Múcio, er werde im Falle einer hypothetischen Invasion durch die USA „die Türen öffnen“, muss bekämpft werden, da sie Ausdruck einer „fünften Kolonne“ von Verrätern innerhalb der Regierung selbst ist. Es ist auch daran zu erinnern, dass Múcio eine der führenden Stimmen für die Strafmilderung zugunsten der Urheber des Putsches vom 8. Januar war.

Von grundlegender Bedeutung ist es, den Kampf um Souveränität und um eine tatsächliche Unabhängigkeit vom Imperialismus mit der Verteidigung der demokratischen Rechte und einem Programm in Einklang zu bringen, das den Forderungen der Mehrheit der Bevölkerung gerecht wird. Flávio [Bolsonaro] verkörpert ein Projekt, das auf eine Verschlechterung der Lebensbedingungen von Frauen sowie der schwarzen und indigenen Bevölkerung abzielt, die von seinen machistischen, rassistischen und den räuberischen Extraktivismus [Rohstoffabbau] begünstigenden Positionen direkt betroffen wären.

Ein Sieg von Lula würde das Kräfteverhältnis auf kontinentaler Ebene wieder ausgleichen. Und er würde den Weg für eine Niederlage von Trump ebnen, der im Iran bereits in Schwierigkeiten steckt und die Zwischenwahlen in den USA im kommenden November wahrscheinlich verlieren wird.

Genau darum geht es.

Die Stärke der PSOL und ihre Verbindung zu den internationalen linken Bewegungen

Über die Niederlage der extremen Rechten hinaus geht es bei den Wahlen im Oktober darum, die „Partido Socialismo e Liberdade“ (PSOL, Partei für Sozialismus und Freiheit) und ihre Parlamentsfraktion zu stärken, indem die Ausschlussklausel überwunden und ein Signal an die antikapitalistische Linke weltweit gesendet wird. Während der regierungsnahe Flügel der PSOL im Begriff ist, die Partei zu verlassen, stärkt die neue Dynamik ihre politische Unabhängigkeit und verleiht ihr internationale Legitimität.

Die brasilianischen Wahlen könnten die Linkswende widerspiegeln, die bestimmte Teile der Massen derzeit vollziehen. Der Aufstieg der „Democratic Socialists of America“ (DSA) in den Vereinigten Staaten, wo sich für Palästina engagierte Kandidat:innen bei den Vorwahlen der Demokraten gegen die zionistische Lobby durchgesetzt haben, ist Teil einer Dynamik, die die Einheit im Kampf gegen die extreme Rechte mit dem Aufbau eines neuen Pols links von den traditionellen Parteien verbindet. Der Sieg des Arztes Abdul El-Sayed bei den Vorwahlen der Demokraten in Michigan ist nicht zu unterschätzen: Er hat die pro-israelischen Kreise des Parteiestablishments besiegt, mit einer Bewegung, die von Zohran Mamdani – dem derzeitigen Bürgermeister von New York – sichtbar verkörpert wird und sich dank eines zunehmend radikalisierten Teils der US-Bevölkerung ausbreitet.

In Argentinien äußert sich das Streben nach Erneuerung in einer Stärkung der „Frente de Izquierda y de Trabajadores – Unidad“ (FIT-U), die in den meisten Umfragen über 10 % liegt. Diese Entwicklung geht einher mit breiten Mobilisierungen gegen Mileis Privatisierungs- und Kapitulationspolitik im Land, durch die die ohnehin schon schwierige wirtschaftliche Lage der argentinischen Arbeiterklasse zunehmend verschärft wird. Überall auf der Welt ist die Generation Z Gegenstand eines erbitterten Kampfes, und Umfragen zeigen, dass sich unter jungen Menschen die Tendenz zur Hinwendung zu sozialistischen Ideen verstärkt, auch in den USA und anderen einflussreichen Ländern.

Ein Sieg von Lula und eine Stärkung der PSOL wären Stützpunkte für die Koordinierung einer internationalen antifaschistischen Bewegung, die den Kampf gegen die weltweite extreme Rechte mit der Verteidigung der Souveränität der Völker verbindet. Deshalb beteiligen wir uns an der Organisierung einer neuen regionalen Version der Internationalen Antifaschistischen Konferenz, die im kommenden Dezember in Argentinien stattfinden wird.

Die Losung des Tages, die überall aufgegriffen werden sollte, lautet: „Trump raus aus Brasilien und ganz Lateinamerika!“


Dieser Artikel ist am 7. August 2026 auf der Webseite der brasilianischen Zeitschrift Movimento veröffentlicht und am 13. August auf die Webseite von Inprecor übernommen worden. Aus dem Französischen übersetzt von Wilfried

Israel Dutra ist Soziologe und hauptamtlicher Sekretär für soziale Bewegungen der PSOL, er ist Mitglied der der PSOL sowie der Leitung des Movimento Esquerda Socialista (MES/PSOL), einer internen Tendenz der PSOL, und gehört dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale an.


[i]Primeiro Comando da Capital“ (Erstes Kommando der Hauptstadt) und „Comando Vermelho“ (Rotes Kommando) sind brasilianische kriminelle Organisationen. Marco Rubio bezeichnete sie am 28. Mai 2026 als „Specially Designated Global Terrorists“ (SDGTs) und am 5. Juni als „Foreign Terrorist Organizations“ (FTOs). (Anm. d. Übers.)